14. Dezember 2018

Angehörigen den Rücken stärken

Magazin Nr. 132/2018


Schlafmangel, Erschöpfung, Ungeduld, Gereiztheit oder gar Verzweiflung. Welche Angehörigen von Parkinsonbetroffenen kennen nicht solche Reaktionen auf die täglichen Herausforderungen der Betreuung? In ruhigeren Augenblicken melden sich zusätzlich noch Schuldgefühle.

Angehörigenpflege kann heute nicht mehr als Schattenthema bezeichnet werden. Vermehrt wird es in Medien, Politik, Forschungs- und Bildungsinstitutionen, aber auch bei vielen Dienstleistern thematisiert. Stand vor zehn Jahren hauptsächlich der Entlastungsbedarf der Angehörigen im Zentrum, werden heute sowohl der Problem- als auch der Lösungsfokus breiter gesehen. Bei den Angehörigen soll die bereits jetzt oder potenziell in näherer Zukunft aus dem Lot geratene Balance zwischen Belastung und eigenen Ressourcen stabilisiert werden. Das kann dadurch geschehen, dass Belastungen abgebaut werden, aber auch, indem Ressourcen gestärkt und aktiviert werden.

Entlastung – Information – Empowerment

Mit Entlastung sind zeitlich begrenzte oder über längere Zeit andauernde Unterstützungsformen gemeint, welche die zu tragende Last erleichtern helfen. Über gute Information, d. h. eine Stärkung der Wissensbasis – z. B. zu Krankheiten, bestehenden Unterstützungsangeboten oder rechtlichen  Rahmenbedingungen –, kann die Pflegesituation besser verstehbar und damit handhabbar gemacht werden. Empowerment (wörtliche Übersetzung: Ermächtigung) schliesslich dient der Förderung von Ressourcen und Kompetenzen der pflegenden Person. Bildlich gesprochen soll der Rücken der Angehö-rigen, die unter Umständen über lange Zeit einen grossen Teil der Last zu tragen haben, gestärkt werden. So wird deren Selbstwirksamkeit erhöht. Dies im Gegenzug zum oft quälenden Selbstvorwurf, schwach, ungeduldig oder zu wenig verständnisvoll zu sein. Zentral ist die Erkenntnis, dass die Betreuungsanforderungen nicht zuletzt durch geeignete Strategien der Selbstsorge oder der Inanspruchnahme von Hilfe von aussen besser zu bewältigen sind. Dies gerade dann, wenn sich die Pflegeaufgaben im Laufe der Zeit verändern, umfassender werden oder akzentuieren. Mit dieser Voraussetzung kann die aktuelle Lebensphase sogar zu einer Ressource für spätere Lebensaufgaben und Herausforderungen werden.

Was belastet Angehörige?

Das Institut Alter der Berner Fachhochschule führte zwischen Ende 2014 und Mitte 2016 im Auftrag einer kleinen, regional verankerten Stiftung eine Studie durch. Erfasst wurden Problemlagen und Herausforderungen von 14 pflegenden Angehörigen. Drei der in den Interviews mehrfach angesprochenen Themenbereiche sollen nachfolgend exemplarisch Erwähnung fnden. Einige pflegende Angehörige berichten über Gesundheitsbeschwerden wie Schmerzen und Schlafprobleme.  Insbesondere in Pflegebeziehungen zwischen Ehepartnern ergibt sich oft ein wachsendes Missverhältnis zwischen dem zunehmenden Pflegebedarf einerseits und dem Zustand des eigenen Körpers, der altersbedingt schwächer wird. Jüngere wie auch ältere Personen merken zudem an, dass sie es teilweise zu lange vernachlässigt haben, sich um ihr eigenes Wohlbefnden zu kümmern. Wenn psychischer Stress zu ungewollten Reaktionen wie Wutausbrüchen gegenüber der pflegebedürftigen Person führt, entstehen Schuldgefühle. Diese werden auch hervorgerufen durch die Gratwanderung zwischen dem Pflegeengagement und den Bedürfnissen nach einem «eigenen Leben». Ebenso machen sie Angehörigen zu schaffen, die glauben, aufgrund der Gesamtlast ihrer gleichzeitigen Verantwortungen (z. B. Kinderbetreuung, Pflege der Eltern, Beruf) keiner wirklich gerecht zu werden.
Personen mit demenziellen Erkrankungen, Parkinson oder anderen sichtbaren Beeinträchtigungen beziehungsweise Verhaltensauffälligkeiten erleben in der Öffentlichkeit oft Unverständnis, Ablehnung
oder Stigmatisierung bis hin zu sozialer Ausgrenzung. Darunter leiden auch deren Angehörige.

Angehörige stärken

Diese drei Beispiele zeigen auf, dass Entlastungsangebote allein nicht die nachhaltige Antwort auf die genannten Nöte sein können. Viele Belastungen lösen sich nicht auf, bloss weil ausreichende und fnanzierbare Entlastungsangebote bereitstehen, und die Angehörigen sich hin und wieder eine Auszeit gönnen könnten. Idealerweise wäre Menschen in solchen Situationen der Rücken zu stärken. Sie wären also im eigentlichen Sinne des Wortes zu «empowern». So sind pflegende Angehörige auf eine verbesserte Wahrnehmung des eigenen Körpers hin zu sensibilisieren, damit sie ihre eigenen Grenzen rechtzeitig erkennen und die nötige Hilfe organisieren können. Durch einfühlsame Gespräche können die Angehörigen zudem nach unschönen Stressreaktionen ihre Selbstachtung wiedergewinnen. Von einzelnen Angehörigen wurde in diesem Zusammenhang im Rahmen der erwähnten Studie die sehr heilsame Wirkung einer Angehörigengruppe genannt. Da nicht überall und jederzeit geeignete Unterstützungsangebote in diesem Sinne zur Verfügung stehen, stellt sich Angehörigen die Frage: Können sie auch selber etwas tun, um sich den Rücken zu stärken im Hinblick auf die bestehende und andauernde Belastung? Nicht zuletzt wird deutlich, dass es gesellschaftlich noch einiges zu leisten gibt. So wird auch in Zukunft Aufklärungsarbeit nötig sein, um der Stigmatisierung von krankheitsbedingtem abweichendem Verhalten entgegenzuwirken. Dies gilt in besonderer Weise für die Parkinsonkrankheit. Durch Sensibilisierung der Öffentlichkeit kann die Hilfsbereitschaft im nahen Umfeld gefördert werden, die von Angehörigen als Zeichen der Wertschätzung – und auch dadurch als Empowerment – wahrgenommen wird.

Dateien:
DE_magazin_132_10-11.pdf(795 Ki)

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