30. Juni 2017

Mobilität: Mental flexibel bleiben

Magazin Parkinson 126/2017


Magazin Parkinson No. 126

Weg vom Schwierigen, hin zum Möglichen

Wer lernt, die Wahrnehmung auf das zu richten, was motivierend und hilfreich ist – ohne Schwieriges auszublenden erfährt, dass oft mehr möglich ist als gedacht.

Herr Frei hat Parkinson – und einen Hund. Er liebt die Morgenspaziergänge mit seinem Hund.  Bewegungsprobleme erschweren dies jedoch: Es geht lange, bis die Schuhe angezogen sind. Wenn der Hund voller Vorfreude wedelt, löst dies zusätzlichen Stress aus. Dadurch geht alles noch langsamer. Parkinsonbetroffene kennen solche Situationen, oder andere durch Parkinson veranlasste Sorgen: Man freut sich auf einen Ausflug, hat aber einen schlechten Tag. Man liebt die Arbeit, befürchtet aber, die Stelle aufgeben zu müssen. Die Krankheit Parkinson kann man nicht bestimmen. Wohl aber, wie man gewissen Situationen begegnet. Wichtig ist, sich zu überlegen: Welche Sicht- und Denkweisen sind hilfreich und motivierend? Welche sind beeinträchtigend? Wie wirkt sich dies auf das Verhalten aus?

Die Wahrnehmung bestimmt das Tun

Einige Menschen denken: «Jetzt raubt mir Parkinson auch noch diese Freude.» Die Stimmung sinkt in den Keller. Problematisch wird es, wenn man darin hängenbleibt. Denn beeinträchtigende Wahrnehmungen blockieren den Zugang zu Ressourcen. Wer sich schlecht fühlt, hat keinen Zugang zum eigenen Erfahrungsschatz, zur Erinnerung, wie Schwierigkeiten früher gemeistert wurden. Ideen für Lösungen fallen einem dann einfach nicht ein. Mit gedämpfter Stimmung fehlt der erforderliche Schwung, um vorwärtszugehen. So wird das Handeln erschwert, und die Wahrscheinlichkeit sinkt,  Erfolgserlebnisse zu haben. Dies stärkt beeinträchtigende Wahrnehmungen: «Ich habe es ja gewusst, mit Parkinson geht es nur abwärts.» So entstehen negative Spiralen, die auf Dauer zum eigentlichen Problem werden. Andere Menschen nehmen sich Zeit, erst einmal genau hinzuschauen: «Was ist hier eigentlich los?» Sie sammeln nüchtern Fakten: «Wo genau und wie entsteht Stress?» Sie klären: «Wie wichtig ist es mir, hier Lösungen zu finden?» Sie übernehmen die Regie und richten ihre Aufmerksamkeit auf das, was vorwärtsführt. «Welche Möglichkeiten gibt es hier? Wie kann ich hier (anders) vorgehen?» Im Fall des Spaziergangs mit dem Hund eignen sich etwa Schuhe, die sich leichter anziehen lassen, besseres Licht oder ein bequemer Stuhl. Oder die Medikamente könnten früher eingenommen werden.

Die Wahrnehmung lenken

Allein schon dieser Perspektivenwechsel – weg von dem, was schwierig ist, hin zu dem, was möglich ist – versetzt Betroffene in bessere Stimmung. Solche Menschen schöpfen Energie zum Handeln. Sie erinnern sich daran, wozu es sich lohnt, Schritte zu wagen, und was sie gewinnen können, wenn sie den Mut dazu aufbringen. Sie setzen Schritte um und erfahren, dass oft mehr möglich ist als gedacht. Erfolgserlebnisse motivieren sie, in anderen Situationen erneut so vorzugehen: Genau hinschauen, Blick auf neue Möglichkeiten, und Mut, Schritte umzusetzen. So entstehen positive Spiralen, die zu Ressourcen werden. Diese ermöglichen, mit – und trotz – Parkinson, Schwierigkeiten zu meistern, Erfolgserlebnisse zu erzielen und Lebensqualität zu gewinnen. Die gute Nachricht: Man kann lernen, die Wahrnehmung zu lenken. Wer sich in mentalen Negativspiralen verfängt, kann sich entscheiden: «Ich will üben, anders wahrzunehmen, in der Folge anders zu handeln und so andere Ergebnisse zu erzielen.» Mental flexibel bleiben mit Parkinson heisst, zu verstehen und dieses Verständnis auf die eigene Situation zu übertragen. Ich kann Parkinson nicht wegzaubern, aber ich kann bestimmen, wie ich gewissen Situationen begegne. Immer wieder neu. In kleinen Schritten. Auf eine Weise, die zu mir passt, hinter der ich stehe, die mich motiviert und zugleich realistisch ist. Man kann jederzeit anfangen, dies zu üben. Am besten in Alltagssituationen. Wer dies übt, erfährt, dass oft mehr möglich ist als gedacht. Diese Erfahrung führt zum Abbau von Stress, Angst, Frustration. Und sie stärkt Motivation, Zuversicht, Selbstwirksamkeit, das innere Wissen, dass man dazu beitragen kann, wie Dinge sich entwickeln. Das ist eine enorm wichtige Ressource, gerade im Umgang mit einer Krankheit wie Parkinson: Zu wissen und auch immer wieder zu erfahren, dass man die Regie übernehmen kann. Im Sinne des Sprichworts: «Ich kann den Wind nicht ändern, aber ich kann die Segel anders setzen.»    Dr. Sibylle Tobler

Dateien:
D_magazin_126_brennpunkt.pdf(1.54 Mi)

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