06. September 2016

Mobilität - Mit Parkinson im öffentlichen Verkehr

Magazin Parkinson 123/2016


Verkehrschaos

Unterwegs im öffentlichen Raum

Fragt man Parkinsonbetroffene, was für sie Mobilität bedeutet, antworten sie: Ohne fremde
Hilfe reisen, keine hohen Einstiege bei Bus und Bahn, keine Stolperfallen. Genau dafür setzt
sich Inclusion Handicap, Dachverband der Behindertenorganisationen, ein.  Ein Bericht von Marc Moser, Kommunikationsverantwortlicher Inclusion Handicap

Das Schlagwort heisst barrierefreier öffentlicher Verkehr. Bis Ende 2023 muss der öffentliche Verkehr (ÖV) in der Schweiz barrierefrei zugänglich sein. Dies schreibt das Behindertengleichstellungsgesetz (BehiG) vor. Inclusion Handicap, der Dachverband der Behindertenorganisationen, bei dem auch  Parkinson Schweiz Mitglied ist, setzt sich für die konsequente Umsetzung dieser Vorgaben ein. Er tut dies einerseits durch politische Arbeit, andererseits durch technische Beratung von Transportunternehmen sowie von kantonalen und kommunalen Behörden. Wollen Menschen mit einer Mobilitätsbeeinträchtigung den ÖV selbstständig nutzen, stossen sie immer wieder auf Hindernisse: Die Stufen im Tram sind zu hoch, die Bushaltestelle nur durch eine Treppe erreichbar, kein Rollstuhlplatz im Bus oder der Billettschalter nur mühselig erreichbar – um nur einige Probleme zu nennen. Inclusion Handicap setzt sich dafür ein, dass diese Barrieren wie im Gesetz vorgeschrieben bis 2023 abgebaut werden. Unterschiedliche Barrieren existieren für unterschiedliche Beeinträchtigungen: So sind etwa blinde Menschen für die selbstständige Fortbewegung auf Leitliniensysteme angewiesen, Menschen mit einer Hörbehinderung auf gute visuelle Kommunikation von kurzfristigen Fahrplanänderungen.  Parkinsonbetroffene sollten keine Stolperfallen haben und nicht zu hohe Einstiege bei Bus und Zug. Das BehiG und die entsprechenden Ausführungsbestimmungen und Verordnungen schreiben detailliert vor, welche Vorgaben eingehalten werden müssen, etwa mit den Normen für «hindernisfreie Bauten». An den Einstiegsplattformen müssen genügend Festhaltemöglichkeiten vorhanden sein. Die Rampen  zum Perron dürfen ein maximales Gefälle nicht überschreiten, damit sie von Personen im Rollstuhl oder  mit Rollator benutzt werden können. Auch sollte der Abstand zwischen Perron und Tür ein definiertes Maximalmass nicht überschreiten. Im Falle einer Evakuierung müssen brandgesicherte Bereiche für Menschen mit einer Mobilitätsbeeinträchtigung vorhanden sein. Dies sind nur einige von zahlreichen  Vorgaben.

Damit die Vorgaben gemäss BehiG eingehalten werden, berät Inclusion Handicap Transportunternehmen, aber auch   Kantone und Gemeinden. Hier einige ausgewählte Beispiele aus dieser Beratungstätigkeit:

  • Zwischen Ende November und Anfang Dezember 2015 begleitete Inclusion Handicap mehrere Plangenehmigungsverfahren. Die Perronverlängerung am Bahnhof Zürich Leimbach und der  Umbau des Bahnhofs Walterswil-Striegel (SO) erfüllen die Vorgaben des BehiG. In zwei Fällen  wurde jedoch Beschwerde erhoben: Beim Umbau der Bahnhöfe Lonay-Préverenges (VD) und Denges-Echandens ist der niveaugleiche Ein- und Ausstieg auch nach den geplanten Umbaumassnahmen nicht gewährleistet. Inclusion Handicap beantragte, dass die Höhe der Perrons in beiden Fällen angehoben wird, damit der autonome Zugang von Menschen mit Mobilitätsbeeinträchtigung gewährleistet ist.
  • Inclusion Handicap begleitet die Neuanschaffung von Rollmaterial der BLS (Raum Bern und Luzern) sowie der Südostbahn (SOB). Die SOB will bis Ende 2019 insgesamt 11 neue Züge in Betrieb nehmen, die BLS etappenweise bis 2027 rund 60. Damit die neuen Transportmittel den Anforderungen des Behindertengleichstellungsrechtes genügen, koordiniert Inclusion Handicap als Ansprechstelle der beiden Unternehmen die Koordination mit den Fachkommissionen der Menschen mit einer Hörbehinderung, im Rollstuhl und mit einer Sehbehinderung. Vertreter der Kommissionen werden laufend in die Projekte miteinbezogen. Deren gestellte Anforderungen sind etwa die Höhe der Tische an Rollstuhlplätzen oder die Mindeststärke der Beleuchtung.
  • Inclusion Handicap hat auf Anfrage bei der Erneuerung des Innenausbaus der MS Linth, ein Schiff auf dem Zürichsee, auf diverse Punkte hingewiesen, welche dem BehiG nicht entsprechen. Bei  der Installation einer zugänglichen Toilette konnte eine Lösung gefunden werden.

Neben der  technischen Beratung vertritt Inclusion Handicap die Interessen der Menschen mit  Behinderungen auch auf politischer Ebene. Denn die fristgerechte Umsetzung des barrierefreien ÖV bis 2023 ist stark gefährdet. Zu diesem Schluss kam auch eine vom Bund in Auftrag gegebene und im  Dezember 2015 veröffentlichte Evaluation des BehiG. Zudem wurden im April dieses Jahres die Verordnungen im ÖV den EU-Richtlinien angepasst, die teilweise weniger weit gehen.

Reisetipps

Stress vermeiden

Planen Sie beim Reisen Pausen ein. Trinken nicht vergessen. Informieren Sie Schalter- und Bahnpersonal, wenn Sie Hilfe brauchen.

Genügend Zeit

Berechnen Sie genügend Zeit ein für die Reise, speziell für das Umsteigen. Reisen Sie während On-Zeiten, also bei guter Medikamentenwirkung.

Information

Informieren Sie sich vor der Reise über Fahrplan und Transportmittel. Wählen Sie barrierefreie Busse, Trams und Züge. Bei Flugreisen regeln Sie frühzeitig mit der Fluggesellschaft Unterstützung beim Einchecken und Einsteigen.

Medikamente

Nehmen Sie mehr als die benötigten Medikamente ins Handgepäck, falls es zu Verzögerungen kommt. Informieren Sie sich vor  Auslandsreisen über die Namen Ihres Medikaments im Ausland. Nützlich sind auch Notfallausweis und Medikamentendosierer (Shop, www.parkinson.ch. ).

Einstiegshilfen

Voranmeldung für Rollstuhlnutzer: SBB Call Center Handicap, Tel. 0800 007 102. www.fahrplanfelder.ch/de/rollstuhl/

Dateien:
123_dt.pdf(1.01 Mi)

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