01. Dezember 2012

Henri F. Triet: Literat und Weltenbummler

Magazin Parkinson 108/2012


Magazin Parkinson 108/2012

Henri F. Triet ist seit mehr als 55 Jahren «Schriftsteller im Nebenberuf», hat viele Länder bereist, im Dschungel von Venezuela Gold gewaschen, zunächst als Drogist, dann als Aussendienstler in der Pharmabranche sein Geld verdient und seit sieben Jahren die Diagnose Parkinson. Wir sprachen mit ihm über sein Leben, seine Träume und seine Leidenschaft.
Eine lichte Wohnung im Dachgeschoss eines modernen Mehrfamilienhauses in Winterthur. Der nebelschwangere Herbst schaut mit bläulich-fahlem Schein zu der breiten Fensterfront herein, die das dunkel glänzende Eichenparkett des Wohnraums von den grauen Betonplatten der grosszügigen Terrasse abgrenzt. An der Wand links daneben tickt eine historische Standuhr ihr monotones Lied hinüber zur modernen, schneeweissen Küche. Ein Biedermeier-Sekretär, ein niedriger Tisch, zwei Sofas und ein bequem aussehender Sessel zieren den Raum, moderne Gemälde die Wände. Am Boden, noch auf das Möbel wartend, auf dem er dereinst thronen soll, steht ein Flachbildschirm-TV. Keine Frage: Die Menschen, die hier wohnen, sind noch nicht lange hier. Und sie konzentrieren sich auf das Wesentliche.
Auf dem Sessel, in der Mitte des Raumes, sitzt Henri F. Triet. Zart, fast ein bisschen zerbrechlich wirkt der schlanke 78-Jährige. Sein feuerroter Fleecepullover ist hochgeschlossen, in seinem Schoss liegt ein Ordner mit Dokumenten. Wach und voll Neugier blicken mich seine wasserblauen Augen an, seine Stimme klingt leise, aber doch deutlich, als er sagt: «Schön, dass wir uns heute über meine Leidenschaft, das Schreiben, unterhalten werden.» Dann tupft er sich sichtlich verlegen etwas Speichel von den Lippen. Ein Tribut an seine Parkinsonerkrankung, die ihn vor sieben Jahren ereilte und die ihm zwar schon so manchen Freiheitsgrad im Leben gekostet hat, ihm aber nie seine Selbstbestimmung oder seine Leidenschaft nehmen konnte.

Weit gereist, gebildet und sehr fantasievoll
Eine grosse Leidenschaft von Henri F. Triet war und ist das Schreiben. Seit fast 60 Jahren ist er ein fleis­siger Autor, die Manuskripte seiner meist kurzen Geschichten füllen diverse Ordner. Bereits 1957 veröffentlichte er seine erste Reisereportage. Sie handelte von Sevilla, bestand zum Grossteil aus Fotos, dazugestellt nur einige wenige Zeilen Text, eng an den unteren Rand der Seiten, die in «Ringiers Unterhaltungs-Blättern» abgedruckt wurden, gedrängt. Trotz der Kürze stärkte der gedruckte Text den Stolz des jungen Autors, weckte seine Lust auf mehr. «Mein damaliger Jungstift hatte mich auf die Idee gebracht, Texte bei Redaktionen einzureichen. Seine Mutter war Schriftstellerin. Da dachte ich mir: Wenn die das kann, kannst du das auch. Und es hat geklappt.»

In der Folge schrieb er vieles – der Liebe zum geschriebenen Wort und der Freude an der Sprache wegen, – nicht für das Geld. Letzteres verdiente er zunächst als Drogist, später als Aussendienstmitarbeiter einer auf die Augenmedizin spezialisierten Schweizer Pharmafirma. Mit dem dabei erworbenen medizinischen Wissen schrieb er neben Kurzgeschichten, etwa für «Meyers Modeblatt», sowie Reisereportagen auch Artikel für die «Sprechstunde». Und er verfasste mehr als 100 Gedichte. Fast alle blieben unveröffentlicht, vier aber vertonte der bekannte österreichische Komponist Norbert Zehm im Jahr 1990 als Liebeslieder.

Henri F. Triets grösster Stolz aber sind die fünf Bücher, auf denen sein Name als Autor prangt. Ausgerechnet mit dem kleinsten davon, dem in goldene Farbe gehüllten «Goldrausch in Weissbad», einem Büchlein aus einer Reihe von Geschichten diverser Autoren, die das Kurhotel Hof Weissbad produziert und an die Gäste verteilt, verdiente er am meisten Geld. «Viel war es zwar nicht», erinnert er sich. «Aber für ein paar Tage Ferien im Kurhotel hat es gereicht.»

Seine anderen Bücher kosteten ihn mehr, als dass sie einbrachten. «Eigentlich etwas ganz Normales», sagt er. «Schliesslich bringt uns doch fast kaum etwas von dem, was uns wirklich Freude macht, einen finanziellen Ertrag. Meist müssen wir dafür Geld ausgeben. Der Lohn ist die Befriedigung unserer Leidenschaften.»
So blieb auch Henri F. Triet ein «Schriftsteller im Nebenberuf», wie er es ausdrückt. Auch wenn er zugibt, dass er «freilich gerne Schriftsteller geworden wäre». Doch ihm sei immer bewusst gewesen, sagt er, «dass mit dem, was mit Belletristik zu verdienen ist, kein Leben finanziert werden kann».

Dennoch: Henri F. Triet hat das Schreiben reich gemacht. Ja, er gewann damit sogar etwas, was niemand mit Geld kaufen kann: Glück!
Denn es ist die Bestätigung der Leser, die ihm Glück beschert. «Schreibt mir jemand, er habe über das Lesen einer meiner Geschichten vergessen, rechtzeitig aus dem Zug auszusteigen, bin ich glücklich», sagt Henri F. Triet und seine wachen Augen strahlen. Dann erinnert er sich an einen besonderen Brief: «Ein Biologe schrieb mir, er habe das Büchlein ‹Goldrausch in Weissbad› gelesen. Dabei sei ihm aufgefallen, dass ich von einer ‹Schwarzbuche› geschrieben habe – die aber gebe es gar nicht. Einige Seiten weiter hätte ich dann von einer Schwarztanne geschrieben – da habe er gewusst, dass ich mich vorne einfach verschrieben hätte ... Meine Beschämung über meinen Fehler war deutlich kleiner als meine Befriedigung. Denn dieser Mann hatte das Buch offensichtlich sehr aufmerksam gelesen!»

Und natürlich war das Schreiben selbst sein Glück. «Ich habe immer von Hand geschrieben», erzählt er. «Stundenlang konnte ich schreiben! Es floss einfach aus mir heraus. Die Menschen, die Ereignisse, die Orte wurden dabei vor meinem inneren Auge lebendig. Ich musste einfach nur festhalten, was ich sah. Und wenn mir was nicht gefiel, konnte ich in die Handlung eingreifen. Das war eine fast meditative Erfahrung.»

Kein Groll, kein Hadern – vorwärts geht es!
Heute, da seine Hände aufgrund des Parkinson­ nicht mehr so wollen wie früher, bleibt ihm diese meditative Erfahrung versagt. Doch Henri F. Triet trauert nicht – er macht das Beste daraus. «Ich lese meine alten Texte, überarbeite sie», erzählt er. Und auf die Frage, ob dabei nicht Wehmut an die guten Zeiten vor seiner Erkrankung aufsteige, antwortet er: «Selten. Denn wenn ich die Geschichten lese, kommen viele Erinnerungen zum Vorschein. Diese aber sind nicht schmerzhaft, sondern schön.»

Erinnerungen sind ihm auch von seiner zweiten Leidenschaft, dem Reisen, geblieben. Einige davon, etwa Goldnuggets und kleine weisse Steine, auf denen Goldkristalle blitzen, alte Pfeilspitzen, Tonscherben und andere Artefakte vergangener Zeiten, sind sogar greifbar. Henri F. Triet bewahrt sie in einer kleinen Wandvitrine auf. Er nimmt ein Exponat heraus und schwärmt: «Dieses Stück Stein mit Gold darauf habe ich im Urwald von Venezuela selbst aus dem Fels gebrochen!» Der sanfte, fast liebevolle Blick, mit dem er das Stückchen Erinnerung in seiner Hand betrachtet, spricht dabei Bände.

Mindestens 15 Mal sei er in Venezuela gewesen, erzählt Triet dann. Ein Jugendfreund von ihm sei dorthin ausgewandert, den habe er jedes Jahr einmal besucht. Dann hätten sie im Dschungel das Abenteuer gesucht – und gefunden. Sie hätten Berge und Täler durchstreift, mit Einheimischen Gold gewaschen, in der Wildnis genächtigt, einfach herrliche, unbeschwerte Tage verbracht.
Doch auch bei diesen Erinnerungen bleibt jede Wehmut aus. «Ich war zur richtigen Zeit dort. Heute ginge das nicht mehr. Viel zu gefährlich. Als ich das letzte Mal, vor acht Jahren, dort war, wurde ich ausgeraubt und war froh, lebend wieder nach Hause gekommen zu sein.»
Derartige Dinge blieben ihm in anderen Destinationen, die er besuchte, darunter die Karibik und Thailand, erspart. Dafür inspirierten ihn diese Reisen zu neuen Geschichten. 14 davon, in denen man nicht nur seine Begeisterung für die Sprache, sondern auch für das Spirituelle und das Mystische spüren kann, hat er im Buch «Buddhas Mandarinen» zusammengestellt.

Doch es waren nicht immer die Reisen, die ihn zu neuen Geschichten animierten – manchmal war es auch umgekehrt. «Ich schrieb einmal anhand alter Dokumente und historischer Stiche nieder, wie es in Santo Domingo wohl aussehen muss. Irgendwann bin ich dann hingeflogen, um zu schauen, ob ich alles korrekt wiedergegeben habe», erzählt Triet. Dann lächelt er und sagt: «Was soll ich sagen – es hat ziemlich gut gepasst.»

Trotz aller Fantasie ein bodenständiger Realist
Ein Beispiel, das zeigt, wie akribisch Henri F. Triet bei den Recherchen für seine Geschichten – auch wenn viele davon reine Fantasie sind – zu Werke geht. Eine Eigenschaft, die ihn auch im realen Leben auszeichnet. «Ich überlege immer genau, bespreche mich eingehend mit meiner Frau, ehe ich etwas entscheide», sagt er. Nur so könne er dann auch hinter seinen Entscheidungen stehen.
Seit er Parkinson hat, waren diese oft hart. «Als es mit dem Autofahren nicht mehr ging, gab ich den Führerausweis ab. Jetzt habe ich ein Elektromobil. Und vor Kurzem haben wir unser Haus verkauft. Die Arbeiten rundum wurden zu beschwerlich. Zudem sind die Wege in Weisslingen im Winter viel eisiger als hier in Winterthur. Seit einigen Wochen leben wir nun hier in dieser Wohnung im obersten Stock eines Mietshauses. Hier ist alles auf einer Ebene, es gibt einen Lift und ein Bad mit ­bodenebener Dusche. Zwar fiel mir der Umzug schwerer als meiner Frau. Sie aber hatte ja zuletzt auch die ganze Arbeit mit dem Haus. Und ich weiss: Der Entscheid war richtig, denn er sichert unsere Selbstständigkeit für die kommenden Jahre», sagt Triet. Auch in diesen Sätzen schwingen weder Groll noch Trauer mit. Vielmehr wird deutlich: Henri F. Triet entscheidet heute wie früher selbstbestimmt – auch wenn der Zwang, entscheiden zu müssen, von aussen, von der Krankheit, kommt.

Mit dieser Selbstbestimmtheit, den guten Erinnerungen und seiner Frau an seiner Seite bleibt das Leben für Henri F. Triet lebenswert. Nur eines, sagt er zum Schluss, eines vermisst er sehr: Wie früher weite Strecken im offenen Wasser, im See oder Meer, zu schwimmen. Keine Erinnerung kann dieses Gefühl ersetzen. «Aber», so sagt Henri F. Triet überzeugt, «wir müssen alle irgendwann einmal von etwas Geliebtem Abschied nehmen. Da macht Parkinson keinen Unterschied.»

Leseprobe
«Das versteinerte Lächeln»
Es war ein Herbsttag, wie jeder ihn sich wünschte: Die milde Sonne zauberte üppige Farben in die Kastanienbäume am Seeufer und wärmte uns bis tief in die Seele hinein. Meine Frau und ich sassen in einem Kursschiff auf dem Zürichsee.
Neben uns freute sich auch eine Familie an den blauen Wellen und genoss die Fahrt nach Rapperswil. Im Kinderwagen schlief ihr jüngster Spross, überwacht von seiner Schwester im Kindergartenalter. Ich bemerkte, wie sie mich immer wieder betrachtete, zu mir hinüberlachte und schliesslich den Vater fragte: «Papi, ist das ein böser Mann?»
Die Brise hatte mir ihre leise Frage zugetragen. Dem Papi war das gar nicht recht, er wehrte ab: «Nein, nein, bestimmt nicht!» Vermutlich war es die Reaktion auf eine kürzlich erfolgte Warnung vor bösen Männern und Unholden. Warum die Kleine gerade mich in diese Kategorie einordnete, war mir schnell klar. Kinder sind gute Beobachter.
Für mich war es höchste Zeit, das Parkinsonmedikament einzunehmen. Mein Gesicht hatte sich wieder in das verfluchte, starre Pokerface verwandelt, das keine Mimik, kein richtiges Artikulieren der Worte, kein Pfeifen, geschweige denn das Quittieren eines Kinderlächelns erlaubte.
Das Mädchen liess seinen Charme noch einige Male spielen, mein Lachen aber hielt sich verborgen wie das Abendrot hinter einer Gewitterwand. Sie gab sich noch nicht geschlagen. Nach einiger Zeit ergriff sie die Digitalkamera des Vaters, pflanzte sich breitspurig vor mir auf und nahm mich lachend ins Visier, ohne abzudrücken. Der Vater entschuldigte sich mit einer Geste. «Du darfst doch nicht einfach fremde Leute fotografieren, ohne sie zu fragen!» Die Situation war wirklich komisch.
Meine Mundwinkel hoben sich ein wenig. Befriedigt legte die Kleine die Kamera auf den Tisch zurück, widmete sich fortan wieder den Eltern und ihrem kleinen Bruder und sandte von Zeit zu Zeit ein freundliches Lächeln zu mir hinüber.

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