08. Juli 2016

Autofahren mit Parkinson: Beitrag von Diplompsychologe Jörg Ide

Magazin Parkinson 122/2016


Jörg Ide, Diplompsychologe

Parkinson kann die Fahreignung einschränken. Krankheitssymptome und unerwünschte Wirkungen von Medikamenten erhöhen das Unfallrisiko. Fahrverhaltensproben ergaben eine etwas grössere Anzahl von Fahrfehlern bei Parkinsonbetroffenen. Freiwillige Tests verschaffen Klarheit.

Mobilität ist in unserer Welt ein wichtiges Gut und zählt zu den wesentlichen Aspekten der Teilhabe am allgemeinen Leben. In unserer Gesellschaft ist das oft verbunden mit der Möglichkeit, ein Auto lenken zu können. Im Zusammenhang mit der Parkinsonerkrankung kann diese Fähigkeit beeinträchtigt sein. Aufgrund der Erkrankung müssen dauerhaft Medikamente eingenommen werden, teils mit unerwünschten Nebenwirkungen. Zudem kann die Fahreignung durch die erkrankungsbedingten körperlichen und psychischen Veränderungen beeinträchtigt sein.

Mehrere Studien zeigen, dass verschiedene Aspekte der fortschreitenden Parkinsonerkrankung einen Verlust der Fahreignung mit sich bringen können, etwa verlangsamte Reaktionszeiten. In einer Studie wurden Parkinsonbetroffene im ersten Krankheitsstadium mit nur leichter einseitiger Symptomatik und Tremor fast alle als fahrgeeignet eingestuft. Bei Parkinsonbetroffenen mit mittelschwerer Gesamtsymptomatik – deutliche Verlangsamung der Körperbewegungen, beginnende Beeinträchtigung des Gleichgewichts – wurde nur noch etwa jeder Zehnte als fahrgeeignet eingestuft.

Komplexes Zusammenspiel

Autofahren ist eine komplexe Leistung, die ein Zusammenspiel von verschiedenen körperlichen und psychischen Funktionen sowie Sinnesleistungen erfordert. Die Einschränkung der Beweglichkeit kann die Bedienung des Fahrzeugs entscheidend behindern, was Schnelligkeit, Flexibilität, Kraft und Präzision der Bewegungen von Fingern, Händen, Armen, Beinen, Füssen und Kopf anbelangt. Bei Parkinson können auch spezielle Beeinträchtigungen der Sehleistung bestehen, die einen Verlust der Fahreignung bedeuten (vermindertes Kontrastsehen, Doppelbilder). Diese Sehprobleme können sowohl auf Veränderungen im Auge, als auch auf Veränderungen im Gehirn zurückgehen.

Die Zusammenhänge von Hirnregionen bzw. Netzwerken mit den kognitiven Problemen bei Parkinson sind bislang noch nicht ganz geklärt. Sie stehen vermutlich nicht nur mit dem Mangel an Dopamin in Verbindung, sondern auch mit indirekten Veränderungen der Verfügbarkeit des Botenstoffs Acetylcholin und der zunehmenden Ausbreitung der parkinsonbedingten Schädigungen von Nervenzellen, unter anderem auch der Grosshirnrinde.

Die Bedeutung von Hirnstrukturen, in denen Acetylcholin eine wichtige Rolle spielt, zeigte sich in einer Studie, in der vor allem jene Parkinsonbetroffenen Schwierigkeiten beim Fahren hatten, bei denen in einem bestimmten Hirngebiet, das an der Steuerung von Gang und Haltung beteiligt ist, ein Mangel dieses Nerven-Botenstoffs festgestellt werden konnte. Andere Studien stellen fest, dass viele Parkinsonbetroffene mit Geh-, Haltungs- und Gleichgewichtsproblemen Einschränkungen der Fahreignung zeigen.

Genaue Unfallzahlen von Parkinsonbetroffenen werden in der Schweiz nicht standardmässig erhoben. Aus Forschungsstudien kann man dennoch gewisse Rückschlüsse ziehen. Insgesamt ist die Zahl der Unfälle, die von Parkinsonbetroffenen verursacht werden, nicht sehr hoch. In manchen Studien liegt das Unfallrisiko von Parkinsonbetroffenen bei dem 2,5-fachen Risiko gesunder Personen. In anderen Studien liegt die tatsächliche Unfallrate teilweise aber nicht höher als die von Gesunden. In einer solchen Studie, in der Parkinsonbetroffene über zwei Jahre untersucht wurden, hatten etwa 16 Prozent innerhalb dieser zwei Jahre einen Unfall. Es zeigte sich aber, dass deutlich mehr Parkinsonbetroffene das Autofahren aufgaben als gesunde Personen im vergleichbaren Zeitraum: Die Wahrscheinlichkeit, innerhalb von zwei Jahren die Fahrerlaubnis abzugeben, lag für Parkinsonbetroffene bei 18 Prozent, bei vergleichbaren Gesunden bei 3 Prozent. Dies scheint zu bestätigen, dass ein grosser Teil der Parkinsonbetroffenen aus eigener Motivation die Fahrerlaubnis abgibt, wenn Probleme bemerkt werden, welche die Fahreignung beeinträchtigen. Viele Parkinsonbetroffene berichteten in einer Befragung, dass sie ein Nachlassen ihrer Fähigkeit, Auto zu fahren, bemerkten und mehr Probleme unter ungünstigen Bedingungen hätten, etwa beim Fahren in unvertrauter Umgebung. Die Parkinsonbetroffenen berichteten, dass sie ihr Fahrverhalten entsprechend anpassten. Eine Studie, bei der das Fahrverhalten von Parkinsonbetroffenen längerfristig aufgezeichnet wurde, zeigt jedoch, dass die selbst berichteten Anpassungen des Fahrverhaltens nicht zutreffend waren. Ausserdem zeigten sie mehr Auffälligkeiten wie Geschwindigkeitsüberschreitungen als vergleichbare Personen ohne Parkinson. Somit scheint es ratsam, bei der Entscheidung, ob man selbst noch fahrgeeignet ist, auch das Urteil anderer Personen aus dem sozialen Umfeld oder von Fachpersonen zu berücksichtigen.

Rechtliche Situation in der Schweiz

Grundsätzlich darf jeder Kraftfahrzeug­führer nur fahren, wenn er in der aktuellen Situation fahrgeeignet und fahrfähig ist. Jeder Fahrer, jede Fahrerin trägt selber die Verantwortung für diese Entscheidung. Zu fahren, ohne fahrgeeignet und fahrfähig zu sein, kann rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen oder bei einem Unfall den Verlust des Versicherungsschutzes bedeuten.

Bei Vorliegen der Parkinsonerkrankung besteht in der Schweiz für behandelnde Mediziner keine Pflicht, eine Meldung beim Strassenverkehrsamt zu machen. Ärzte, IV-Stellen oder Privatpersonen haben aber das Recht, eine Meldung zu machen, wenn der Verdacht besteht, dass die Fahreignung einer Person nicht gegeben ist. Aufgrund einer solchen Meldung wird die betroffene Person auf die Fahreignung hin untersucht. Bei Personen ab 70 Jahren findet ohnehin mindestens alle zwei Jahre die regelmässige Überprüfung der Fahreignung statt.

Eine erste Beurteilung der Fahreignung wird zumeist von den behandelnden Hausärzten oder Neurologen vorgenommen, die dann die Fahreignung als gegeben einschätzen oder das Abgeben der Fahrerlaubnis empfehlen. Bei unklaren Ergebnissen oder speziellen Fragestellungen wird die Untersuchung von Verkehrsmedizinern und Verkehrspsychologen durchgeführt, die entsprechend der Fragestellung und der zu untersuchenden Person ausgebildet und anerkannt sein müssen. Fallen verkehrsmedizinische und verkehrspsychologische Beurteilungen so aus, dass keine Fahreignung besteht, muss der Führerausweis abgegeben werden. In speziellen Fällen kann eine Fahrerlaubnis mit Auflagen ausgegeben werden, beispielsweise nur für Fahrten in einem bestimmten Gebiet oder zu bestimmten Zeiten.

Neuropsychologische Untersuchung der Fahreignung

Für die verkehrsmedizinische Beurteilung wird eine medizinische Untersuchung vorgenommen, um die körperlichen und medikamentösen Faktoren zusammenfassend in Bezug auf die Fahreignung zu beurteilen. Da bei Parkinsonbetroffenen auch die psychischen Faktoren eine wichtige Rolle für die Fahreignung spielen, wird in vielen Fällen zudem eine ausführliche verkehrspsychologische Untersuchung durchgeführt. Beispielsweise werden an einem Monitor kognitive Leistungen wie die Reaktion, die Aufmerksamkeit oder die räumliche Wahrnehmung getestet. Denn um über eine gewisse Zeitspanne hinweg zu jedem Zeitpunkt schnell reagieren zu können, muss eine Person Aufmerksamkeit in einem ausreichenden Mass aktivieren können. Diese muss zudem auf verschiedene Einzelaufgaben verteilt werden können: Verkehrszeichen beachten, andere Verkehrsteilnehmer beobachten, das Fahrzeug situationsgerecht steuern.

Kann aufgrund der Tests und der medizinischen Untersuchungen keine eindeu­tige Entscheidung über die Fahreignung getroffen werden, wird zudem eine Fahrprobe vorgenommen. Diese wird üblicherweise zusammen mit einem speziell geschulten Fahrlehrer und einem begleitenden Verkehrsmediziner oder Verkehrs­psychologen durchgeführt.

Mit Auftreten der Parkinsonerkrankung geht nicht automatisch die Fahreignung verloren. Im Verlauf der Erkrankung zeigen sich jedoch zunehmend körperliche und psychische Einschränkungen, die einen Ver­lust der Fahreignung bedeuten können.

Diplompsychologe Jörg Ide
Jörg Ide wurde am 24. Mai 1969 in Hamburg geboren. Er studierte Psychologie mit Schwerpunkt «Klinische Psychologie» in Konstanz. Es folgten mehrere Jahre Mitarbeit in neuropsychologischen Forschungsprojekten zum Thema berufliche Wiedereingliederung nach einem Schlaganfall. Er bildete sich berufsbegleitend zum Klinischen Neuropsychologen weiter. Seit 2006 ist Jörg Ide in der Neuropsychologie der Rehaklinik Zihlschlacht tätig. Der Arbeitsschwerpunkt liegt seit 2007 zunehmend auf der Behandlung von Parkinson­betroffenen.

«Wir beraten über das weitere Vorgehen»

Interview mit Diplompsychologe Jörg Ide sprach Eva Robmann

Herr Ide, macht Zihlschlacht verkehrsmedizinische Beurteilungen?

In der Rehaklinik Zihlschlacht werden keine verkehrsmedizinischen Beurteilungen der Fahreignung im Sinne der gesetzlichen Regelungen vorgenommen. In der Klinik steht der rehabilitative Ansatz im Vordergrund, den Parkinsonbetroffenen zu helfen, besser im Alltag zurechtzukommen. Es besteht aber die Möglichkeit, Parkinsonbetroffene zu untersuchen, ob sich bei ihnen Zweifel an der Fahreignung ergeben.

Wie verläuft diese Untersuchung?

Die Gesamtverfassung der Parkinsonbetroffenen wird aus medizinischer Sicht eingeschätzt. Zudem werden Einschätzungen aus Fachbereichen hinzugezogen, die für die Fahreignung von Bedeutung sind. Dies bezieht sich auf Sehleistungen und auf kognitive Leistungen. Im Rahmen der neuropsychologischen Untersuchung werden Aufmerksamkeitsleistungen, Wahrnehmungsleistungen, räumliches Denken und kognitives Gesamtniveau untersucht. Ergeben sich Hinweise auf mögliche Einschränkungen der Fahreignung, werden die Parkinsonbetroffenen darauf hingewiesen und in Bezug auf das weitere Vorgehen beraten.

Wie reagieren Betroffene auf die Empfehlung, das Fahren aufzugeben?

Verständlicherweise ist der Gedanke, das Autofahren aufzugeben, für manche Personen schwer zu akzeptieren, weil dies mit verschiedenen, teilweise sehr ungünstigen Konsequenzen verbunden ist. Im Normalfall kann aber auf die Einsicht der Parkinsonbetroffenen vertraut werden, sodass sie entweder auf das Autofahren verzichten oder sich ausführlich verkehrsmedizinisch untersuchen lassen. In Ausnahmefällen, zum Beispiel bei Hinweisen auf eine konkrete Selbst- oder Fremdgefährdung, kann eine Meldung bei den zuständigen Behörden erfolgen.

Gibt es therapeutische Möglichkeiten, die Fahreignung wiederherzustellen?

In einem gewissen Umfang kann das möglich sein. Eine verbesserte Abstimmung der Medikamente kann eine Verbesserung bewirken. Was zum Beispiel die Reaktionszeiten angeht, können entscheidende Unterschiede zwischen Zeiten mit guter Medikamentenwirkung und weniger guten Phasen bestehen.

Auch die Therapie könnte entsprechend ausgerichtet werden. Stellen etwa Auf­merksamkeitsstörungen einen limitierenden Faktor dar, so können auch neuropsychologische bzw. kognitive Trainingsprogramme durchgeführt werden, die eine Verbesserung der Aufmerksamkeit bewirken. Ausserdem hat sich in einer Studie gezeigt, dass sich nach der Tiefen Hirn­stimulation bei manchen Betroffenen neben der allgemeinen Symptomatik auch die fahreignungsbezogenen Leistungen verbesserten.

Schwierigkeiten im Fahrverhalten, die auf Einschränkungen der Fahr­eignung hinweisen

  • Verlangsamtes Reaktionsvermögen (z. B. spätes, aber starkes Bremsen)
  • Schwierigkeiten, die Geschwindigkeit angemessen anzupassen
  • Fehlende Flexibilität bei unerwarteten Verkehrssituationen
  • Vermindertes Einhalten der Fahrspur, falsches Positionieren des Fahrzeugs
  • Unsicheres bzw. falsches Verhalten bei Kreuzungen und Kreisverkehren
  • Vermindertes Gewähren des Vortritts, z. B. bei Einmündung mit Rechtsvortritt gegenüber Fussgängern oder beim Einordnen in den fliessenden Verkehr 
  • Zunehmende Anzahl von Fahrfehlern oder kleineren Unfällen
  • Missachten von Verkehrsschildern oder Lichtsignalen
  • Grobe Manövrierfehler
Dateien:
122_dt.pdf(719 Ki)

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