24. September 2019

Beziehung Neurologe – Hausärztin – Patient

Magazin Nr. 135/2019


Beziehung Neurologe – Hausärztin – Patient

Die Neurologen nutzen mehrere Quellen, um die bestmögliche Therapie für Parkinsonbetroffene zu finden. Zentral ist dabei eine gute Kommunikation zwischen allen Beteiligten. Die hohe Qualität der schweizerischen Gesundheitsversorgung ist zu einem bedeutenden Teil den Hausärztinnen und Hausärzten zu verdanken. Idealerweise hat jeder Patient seine Hausärztin, bei der die Fäden zusammenlaufen und bei der die Verantwortung nicht nur für die Grundversorgung, sondern auch für die Koordination einer allenfalls von mehreren Spezialisten mitgestalteten Therapie liegt. Das ist besonders wichtig für Parkinsonbetroffene. Alleine, ohne die Hausärztin oder den Hausarzt als Gegenüber, kann der Neurologe seinen Parkinsonpatienten nicht optimal betreuen. Denn wer soll sonst an die Grippeimpfung denken, die Schrammen nähen nach einem Sturz, den Blutdruck überwachen und die Vereinbarkeit der nicht-neurologischen Medikamente mit der Verordnung des Neurologen oder der Neurologin kontrollieren? Erfreulicherweise klappt diese Zusammenarbeit oft sehr gut. Ein unkomplizierter regelmässiger Austausch zwischen dem Neurologen und der Hausärztin erlaubt es, Probleme bereits früh zu erkennen und vorzubeugen, oder bei Notfällen rasch in gegenseitiger Absprache zu handeln. Das Feedback der Hausärztin oder des Hausarztes ist ausserordentlich wertvoll, und sei dies nur ein «Da gefällt mir etwas nicht – können Sie mal schauen?».

Eine Herausforderung sind Parkinsonbetroffene, die mehrere Neurologen und Neurologinnen konsultieren. Ein Parkinsonpatient oder eine Parkinsonpatientin braucht grundsätzlich nur einen Neurologen. Dennoch kommt es vor, dass ein Neurologe, der die Verantwortung für die Parkinsonbehandlung hat, gezielt spezielle Aspekte einem subspezialisierten Kollegen überträgt. Dies ist beispielsweise bei der Behandlung mit Botulinumtoxin-Injektionen oder mit Tiefer Hirnstimulation der Fall. Bei guter Kommunikation und sauber definierten Zuständigkeiten klappt die Zusammenarbeit in der Regel gut und alle wissen voneinander, was jeder tut.

Mein Wunsch an den Patienten oder die Patientin ist daher: Offenheit. Je offener die Kommunikation zwischen Arzt und Patient ist, desto besser und tragfähiger ist das Arbeitsbündnis. Ich will als Neurologe wissen, welche alternativen Therapien eingesetzt werden, welche potenzsteigernden Medikamente im Internet bestellt werden, wer noch alles mitentscheidet und welche Medikamente nicht wie verordnet eingenommen wurden. Im eher autoritären französischen Gesundheitssystem habe ich es mehrfach erlebt, dass Patienten sich lange nicht getraut haben, mir zu sagen, dass sie ein Medikament nicht genommen haben oder nicht nehmen wollten. Unvergesslich ist die Sprechstunde mit einer Patientin, deren Parkinsonsymptome überhaupt nicht auf Levodopa ansprechen wollten, obwohl ich die Verordnung schrittweise erhöht hatte. Ich konnte mir das nicht erklären – bis mir die Patientin verlegen gestand: «Vous savez, je n’ai jamais pris ces gélules.» Sie hatte die Medikamente aus Angst vor Nebenwirkungen nie genommen. Bei einer vielgestaltigen Krankheit wie dem Morbus Parkinson mit manchmal von Stunde zu Stunde wechselnden Symptomen sind gerade die Beobachtungen, die sich einer Sprechstunde entziehen, besonders bedeutsam. Feedback von der Physiotherapeutin, der Logopädin, der Spitex und den Angehörigen vervollständigen das Bild, das mit der Momentaufnahme in der Konsultation alleine einseitig und unzuverlässig bleiben würde. Die Verlaufseinträge der Pflege bei Patienten und Patientinnen, die in einem Heim leben, sind wichtige Ergänzungen der Anamnese (Befragung des Patienten) und müssen vom Neurologen eingesehen werden.

Da die Parkinsonkrankheit nicht nur motorische Symptome verursacht, sondern oft auch das Verhalten und das Gedächtnis beeinflusst, sind manche Informationen heikel, intim, und werden kaum spontan mitgeteilt. Oft wird vieles auch sehr unterschiedlich vom Patienten und den Angehörigen erlebt. Es ist daher wichtig, dass die Angehörigen den Parkinsonbetroffenen zur Sprechstunde begleiten und die Anamnese ergänzen können, besonders, wenn sich Konflikte aufgebaut haben. Umso wichtiger ist dann ein tragendes Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient. Je nach Situation kann die Mithilfe eines Psychiaters erforderlich sein, mit dem sich der Neurologe und die Hausärztin ebenfalls eng austauschen müssen. Ein besonders heikles Thema sind die Verhaltensänderungen unter bestimmten Medikamenten, die zu einem übersteigerten Lustverhalten oder ungezügelten Geldausgaben führen können. Ich muss als Neurologe Fragen stellen zu teils sehr intimen Lebensbereichen. Immer bleibe ich aber der «Anwalt» des Patienten oder der Patientin, auch wenn sich manchmal unerwartete Abgründe auftun.

Ein Problem kann nur dann verstanden und gelöst werden, wenn es mitgeteilt wird. Nur eine gute Kommunikation zwischen dem Neurologen, der Hausärztin, dem Patienten und den Angehörigen sowie allen weiteren Betreuenden ermöglicht es, die Situation des Patienten oder der Patientin zu verstehen und gemeinsam die bestmögliche Therapie zu wählen und umzusetzen. PD Dr. med. Michael Schüpbach


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