24. Juni 2019

Ein Netzwerk um einen Betroffenen bauen

Magazin Nr. 134/2019


Ein Netzwerk um einen Betroffenen bauen

Der Physiotherapeut und Dozent PD Dr. phil. Tim Vanbellingen beschreibt die Beziehung zwischen Parkinsonbetroffenen und Therapeutennetz.

Der Physiotherapeut oder die Physiotherapeutin ist häufig nur ein Bindeglied innerhalb eines bestehenden Netzwerkes rund um einen Parkinsonbetroffenen und dessen Angehörigen. Erstrebenswert ist eine gute Zusammenarbeit zwischen dem Physiotherapeuten und dem behandelnden Arzt oder Neurologen. Je nach Problemstellung sind bereits weitere Parkinsonexperten aus Ergotherapie, Logopädie, Neuropsychologie oder Parkinsonpflege in die Behandlung involviert. In enger Zusammenarbeit verfolgen alle Beteiligten bei diesem interdisziplinären Ansatz ein gemeinsames Ziel: die Lebenssituation, sprich die Lebensqualität, der oder des Parkinsonbetroffenen und der Angehörigen zu verbessern.

Beziehung Therapeut – Patient – Angehörige

Der Physiotherapeut oder die Physiotherapeutin übt mit dem Patienten verschiedene Bewegungsstrategien ein, die es diesem erlauben, den Alltag einfacher zu bewältigen. Zudem kann der Physiotherapeut mit einem massgeschneiderten Behandlungsplan – dieser ist genau auf die Bedürfnisse des Patienten oder der Patientin zugeschnitten – sekundären Gesundheitsproblemen vorbeugen, etwa einem Kraft- und Ausdauerverlust.
In der Anfangsphase der Parkinsonerkrankung liegt der Schwerpunkt der physiotherapeutischen Behandlung vor allem darauf, einer Inaktivität vorzubeugen. Die Massnahmen sind darauf ausgerichtet, Patienten und Angehörige zu informieren, wie ein aktiver Lebensstil beibehalten werden kann. Der Physiotherapeut oder die Physiotherapeutin sollte die Betroffenen in dieser Frühphase auch auf das bestehende Angebot in der Schweiz hinweisen wieTango, Tai-Chi-Kurse, Informationsveranstaltungen oder Selbsthilfegruppen (vgl. www.parkinson.ch). So kann bereits früh ein kleines regionales Netzwerk um einen Betroffenen oder eine Betroffene aufgebaut werden. Häufig haben Betroffene Fragen, die nicht in der Sprechstunde des betreuenden Hausarztes oder Neurologen abschliessend beantwortet wurden. Was, wie und wie oft soll trainiert werden? Und soll überhaupt trainiert werden?
Generell spielt der Physiotherapeut mit dem Fortschreiten der Parkinsonkrankheit eine immer wichtigere Rolle, da viele Betroffene trotz guter medizinischer Betreuung mit zunehmenden Einschränkungen der Beweglichkeit konfrontiert sind. Dazu gehören Schwierigkeiten bei diversen Transfers – dem Aufstehen, in der Haltung, beim Gleichgewicht und beim Gehen. Dies kann zum Verlust der Selbständigkeit im Alltag führen. Gemeinsam mit dem Physiotherapeuten oder der Physiotherapeutin lernen Parkinsonbetroffene und Angehörige in späteren Phasen der Erkrankung gezielt Tricks zum Umgang mit Bewegungsproblemen im Alltag. So können etwa Cueing-Strategien eingeübt werden, um Bewegungsübergänge oder Gehblockaden zu überwinden. Cueings (Hinweisreize, Tricks) können Linien am Boden sein oder akustische Hilfen wie lautes Zählen, kurze Kommandos oder der Einsatz eines Metronoms. Entsprechende, gut eingeübte Tricks erleichtern die Mobilität im Alltag.

Forschung
In der Forschung wird in den letzten Jahren vor allem der Einsatz von neuen Technologien in der Physiotherapie untersucht. Beispiele sind Exergaming, tragbare Sensoren, Smartphone oder Tablet-Apps. Beim Exergaming (Kombination aus den englischen Wörtern exercise für ‹Übung› und Gaming für ‹Spielen›) handelt es sich um interaktive Fitness-Spiele, wobei unter anderem sogenannte Kinect-Sensoren für die Bewegungssteuerung eingesetzt werden. Tragbare Sensoren am Hand- oder Fussgelenk des Patienten oder der Patientin messen die Aktivität beziehungsweise Schrittmenge im Alltag. Zudem können künftig gewisse tragbare Sensoren Parkinsonsymptome wie Tremor oder Dyskinesien besser erfassen. Smartphone und Tablet-Apps können informativ sein sowie zahlreiche spezifische Übungen für zu Hause zur Verfügung stellen. Alle diese neuen Technologien können als Ergänzung zum bestehenden Therapieangebot genutzt werden und möglicherweise zur Steigerung der Behandlungsqualität beitragen.  PD Dr. phil. Tim Vanbellingen     

Dateien:
DE_magazin_134.pdf(1.28 Mi)

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