Blasen- und Miktionsstörungen

Ein Mann steht seitlich vor dem WC mit einer Sitzerhöhung

Viele Parkinsonbetroffene leiden unter Problemen des Magen-Darm-Traktes und Störungen der Blasenfunktion. Ein Tabuthema, das von vielen Betroffenen nicht angesprochen wird – für das es aber Hilfen gibt. Von Elisabeth Ostler

Störungen der Darmtätigkeit und neurologisch bedingte urologische Störungen sind häufige Symptome der Parkinsonerkrankung. Während sich Erstere schon Jahre vor der Diagnose einstellen können, machen sich Letztere oft erst in späteren Krankheitsstadien bemerkbar. Die meisten Betroffenen berichten über häufigen und starken Harndrang, die Entleerung relativ kleiner Urinmengen und gelegentlich ungewollten Urinabgang (Urininkontinenz) – vor allem, wenn das WC nicht rechtzeitig erreichbar ist. Als sehr störend wird auch der häufige nächtliche Harndrang empfunden.

Normale Blasenfunktion – und Veränderungen im Alter

Die Harnblase fasst in der Regel 400 bis 500 ml. Bei einer Trinkmenge von 1,5 bis 2 Litern pro Tag ergibt sich eine Urinmenge von 1,5 Litern, entsprechend vier bis sechs Blasenentleerungen pro Tag. Gesunde können den Harndrang auch bei maximal gefüllter Blase 3 bis 5 Minuten unterdrücken, also so lange, bis sie eine Toilette erreicht haben.
Im Alter führen die sinkende Speicherfähigkeit und die schwindende Muskelkraft der Harnblase sowie Hormonveränderungen dazu, dass die Blase zusätzlich ein- bis zweimal nachts entleert werden muss. Zudem können organische Veränderungen urologische Beschwerden auslösen. So können eine Beckenbodenschwäche oder eine Blasensenkung bei Frauen dazu führen, dass beim Husten, Lachen oder Niesen ungewollt Urin abgeht. Bei Männern führt oft eine Prostatavergrösserung zu einer Abschwächung des Harnstrahls, häufigem «befehlsartigem» Harndrang und dem Gefühl einer unvollständigen Blasenentleerung. Überdies können auch Medikamente Auswirkungen auf die Funktion der Harnblase und auf die Urinproduktion haben.

Urologische Beschwerden bei Morbus Parkinson

Bei Parkinsonbetroffenen werden die altersbedingten Probleme zusätzlich von neurologisch bedingten Störungen der Blasenfunktion überlagert. Bedingt durch den Dopaminmangel ist bei Parkinson unter anderem auch die im Gehirn und dem Rückenmark angesiedelte Steuerung der Blasenfunktion gestört. Aus diesem Grund tritt der nicht mehr unterdrückbare Harndrang oft schon auf, wenn sich erst 100 bis 250 ml Urin in der Blase angesammelt haben. Entsprechend häufiger verspüren die Patienten Harndrang. Nicht selten müssen sie mehr als zehnmal in 24 Stunden auf die Toilette. Zudem ist es ihnen aufgrund der krankheitsbedingten
Verlangsamung und/oder Blockaden gelegentlich nicht möglich, die Toilette rechtzeitig zu erreichen oder sich dort zu entkleiden.

Diagnostik von Blasenfunktionsstörungen

Die wichtigste Diagnostik, die dem Arzt das Vorliegen einer Blasenfunktionsstörung erleichtert, ist das Miktionstagebuch. Dazu fangen die Patienten während einiger Tage den Harn in einem Messbecher auf und notieren jeweils Menge und Uhrzeit. Parallel wird notiert, wann wie viel getrunken wurde. Diese Daten, zusammen mit einer Liste aller konsumierten Medikamente,  geben dem Arzt wertvolle Hinweise über die Art der Beschwerden. Nur in speziellen Fällen bedarf es weiterer Untersuchungen (Ultraschall-, Harnstrahl-, Blasendruckmessungen oder Blasenspiegelung).

Behandlungsmöglichkeiten

Wichtig ist, dass betroffene Patienten nicht aus Scham schweigen, sondern Blasenprobleme ihrem Neurologen gegenüber offen diskutieren. Der Arzt kann nur Beschwerden behandeln, von denen er auch Kenntnis hat! Dabei ist darauf zu achten, dass die Behandlung der Blasenprobleme auf die Therapie der Parkinsonerkrankung abgestimmt wird. Das Zusammenspiel von eingeschränkter Bewegungsfähigkeit und starkem, nicht unterdrückbarem Harndrang führt oft zu unfreiwilligem Urinverlust (Inkontinenz). Anhand des Miktionstagebuchs kann die Speicherfähigkeit der Harnblase abgeschätzt und ein «Toilettentraining» angegangen werden. Dabei entleert der Patient seine Harnblase strikt nach der Zeit (z.B. alle zwei Stunden) und noch bevor der nicht verzögerbare Harndrang einsetzt. Zudem sollten übermässige Trinkmengen ebenso vermieden werden wie aussergewöhnlich geringe Trinkmengen. Frauen können zudem durch gezieltes Beckenbodentraining (fragen Sie Ihre Physiotherapeutin!) ihre Beckenbodenmuskulatur und damit indirekt den Blasenschliessmuskel stärken.
Zur Linderung von Blasenbeschwerden stehen Medikamente zur Verfügung. Auch eine Elektrostimulation der Harnblase mit Hautelektroden kann hilfreich sein. Zudem können Medikamente direkt in der Harnblase zur Wirkung gebracht werden. In den letzten Jahren wird auch das Einspritzen von Botulinumtoxin in den Blasenmuskel während einer Blasenspiegelung zur Dämpfung der überaktiven Harnblase eingesetzt. Die Anwendung eines Harnröhren- oder Bauchdeckenkatheters sollte nur nach Ausschöpfung aller anderen Behandlungsmöglichkeiten erwogen werden.

Hilfsmittel bei Blasenproblemen

Grundsätzlich gilt: So viel wie nötig, so wenig wie möglich. Die tagsüber benötigten Inkontinenzeinlagen können sich deutlich von denen für die Nacht unterscheiden. Leider sind Inkontinenzprodukte eher teuer. Wird vom Arzt eine mittlere bis schwere Inkontinenz diagnostiziert, übernimmt die Krankenkasse die Kosten bis zu einem festgelegten Maximalbetrag. Rückvergütet werden nur Produkte, die in Apotheken oder anerkannten Sanitätsgeschäften gekauft werden. Firmen wie z.B. die Weita AG in Arlesheim bieten einen diskreten Hauslieferdienst an.
Es gibt auch Hilfsmittel, mit denen sich zwar nicht der nächtliche Harndrang, wohl aber der Gang zur Toilette vermeiden lässt.

  • Männer können eine Urinflasche (mit Auslaufsicherung) oder ein Kondom-Urinal verwenden. Letzteres wird vor dem Schlafengehen über den Penis gestülpt, der Urin fliesst in einen Beutel, welcher am Morgen zusammen mit dem Kondom-Urinal einfach entsorgt wird.
  • Für die Frau gibt es die Urinierhilfe «Pibella». Diese muss zwar für jede Blasenentleerung neu angesetzt werden. Dennoch entfällt das mühsame Aufstehen.
  • Wichtig: Für die erfolgreiche Anwendung dieser Hilfsmittel sind Fachberatung und Instruktion unabdingbar. Auch erfordert es etwas Übung. Hat man die Handhabung aber erst einmal im Griff, bringen sowohl das Kondom-Urinal als auch die Pibella grosse Erleichterung und deutlich mehr Nachtruhe.
  • Für unterwegs gibt es die faltbare Urinflasche «Jonhy Wee». Diese ist  für Frauen und Männer geeignet und sehr leicht anzuwenden. Zudem ist sie hygienisch: Spezielle Polymerkristalle im Inneren verwandeln den Urin sofort in Gel. So kann nichts auslaufen und die Flasche kann mehrfach verwendet werden – bis zur Gesamtfüllmenge von etwa 700 ml.

Preise und Bezugsquellen:

Störungen des Magen-Darm-Bereichs

Ebenso lästig wie Blasenprobleme sind Beschwerden im Magen-Darm-Bereich. Auch diese sind bei Parkinson neurologisch bedingt häufig sehr ausgeprägt.
Damit der Darminhalt vorantransportiert werden kann, sind eine ungestörte Nervenversorgung sowohl durch das Gehirn als auch durch das periphere Nervensystem nötig. Die übergeordnete, für die Regulierung der inneren Organe zuständige Struktur nennt man «autonomes Nervensystem». Dieses wird wiederum in «Sympathikus» und «Parasympathikus» unterteilt. Der Parasympathikus erhöht die Aktivität, der Sympathikus bremst sie. Die Nervenversorgung des Magen-Darm-Trakts ist sehr komplex. Neben dem Parasympathikus und dem Sympathikus besteht zusätzlich eine eigenständige Nervenversorgung in der Darmwand. Diese ist bei Parkinsonpatienten degenerativen Veränderungen unterworfen – und das oft schon Jahre vor der eigentlichen Diagnose. Wie Riech- und Schlafstörungen gehören Magen-Darm-Probleme zu den typischen Frühsymptomen. Jeder vierte Parkinsonpatient leidet schon bei Diagnosestellung an Verstopfung.
Da die Krankheit mit der Zeit alle für die Darmaktivität verantwortlichen Nerven sowohl des zentralen als auch des peripheren Nervensystems betrifft, wird die Aktivität des gesamten Magen-Darm-Trakts gestört und es kommt zu vielfältigen Symptomen wie Speichelfluss, Schluckstörungen, Magenentleerungsstörungen und Verstopfung.

Speichelfluss und was man tun kann

Parkinsonpatienten bilden ungefähr gleich viel Speichel wie Gesunde. Da sie aber seltener schlucken, sammelt sich mehr Speichel im Mund. Dieser kann, nicht zuletzt wegen der typischerweise vorgebeugten Körperhaltung, aus dem häufig etwas offen stehenden Mund herauslaufen. Es gibt wirksame Medikamente – doch haben diese oft erhebliche Nebenwirkungen, weshalb sie zurückhaltend eingesetzt werden. Relativ neu ist die Injektion von Botulinumtoxin in die Speicheldrüsen, die in der Folge einige Monate lang weniger Speichel produzieren.

Schluckstörungen: Unangenehm und auch gefährlich

Schluckstörungen sind in späten Krankheitsphasen häufig – teils sind sie auch abhängig von der Medikation. Sie treten sowohl beim Verzehr fester als auch flüssiger Nahrung oder bei der Medikamenteneinnahme auf und bergen die Gefahr des Verschluckens, was wiederum Entzündungen von Luft- und Speiseröhre oder gar eine Lungenentzündung auslösen kann. Häufiges Husten oder Räuspern während und kurz nach dem Essen sind Warnhinweise!
Schluckbeschwerden können mit Medikamenten nur bedingt beeinflusst werden. Empfehlenswert sind eine spezielle Kost (Dysphagie- oder Breikost) und der konsequente Verzicht auf Mischkonsistenzen (harte Essensstücke gleichzeitig mit flüssigen Bestandteilen, z.B. Minestrone). Mahlzeiten sollten generell in Phasen guter Beweglichkeit eingenommen werden, im Anschluss sollten die Patienten mindestens 30 Minuten aufrecht sitzen bleiben. Flüssigkeiten müssen eventuell angedickt werden. Die Abklärung durch eine Logopädin ist sinnvoll. In sehr schweren Fällen ist auch die Ernährung über eine Magensonde zu erwägen.

Verzögerte Magenentleerung: Ein Problem mit Folgen!

Die bei Parkinson häufig verzögerte Magenentleerung (es kann zwei und mehr Stunden dauern, ehe der Mageninhalt weitertransportiert wird) führt nach den Mahlzeiten zu einem Druckgefühl über dem Magen und einem frühen Sättigungsgefühl. Zudem kommt es aufgrund einer verzögerten Magenentleerung zu einer gestörten Aufnahme der Anti-Parkinson-Medikamente – da diese erst in den Dünndarm gelangen müssen, wo sie dann in den Blutkreislauf überführt werden – und damit zu einer schlechteren Steuerbarkeit der Therapie, weil die Wirkung der Medikamente zeitlich stark verzögert wird. Untersuchungen zeigen, dass die Parkinsonsymptomatik oft deutlich besser kontrolliert werden kann, wenn die Anti-Parkinson-Medikamente nicht oral eingenommen, sondern direkt in den Dünndarm appliziert werden – z.B. mit einer Duodopa-Pumpe.
Ein hilfreiches Medikament bei verzögerter Magenentleerung ist der Wirkstoff Domperidon (Motilium). Dieser hat den Vorteil, dass er nur im Magen-Darm wirkt und die Blut-Hirn-Schranke nicht passieren kann. So werden negative Einflüsse auf die Parkinsonsymptomatik vermieden. Im Gehirn wirkende Medikamente, die für an sich gesunde Menschen bei allgemeiner Übelkeit und verzögerter Magenentleerung empfohlen werden, sollten bei Parkinson nicht eingesetzt werden, da sie die Parkinsonsymptomatik massiv verstärken können.

Verstopfung (Obstipation): Ein Problem, das viele betrifft

Rund ein Viertel der Parkinsonpatienten leidet bereits zum Zeitpunkt der Diagnosestellung an einer relevanten Verstopfung. Von den bereits diagnostizierten Patienten klagen etwa drei Viertel im Krankheitsverlauf über derartige Probleme. Wegen der krankheitsbedingt verminderten Darmbewegung dauert es bei vielen Betroffenen mehr als 5 Tage, ehe die Nahrung den Darm passiert hat. Als Ursache der Probleme werden immer wieder die Medikation, verminderte körperliche Bewegung, verminderte Muskelspannung und zu geringe Zufuhr von Ballaststoffen und Flüssigkeit angeführt. Dies stimmt nur sehr begrenzt. Die Ursache der verminderten Darmtätigkeit ist der Untergang der Nervenzellen im Gehirn und in der Darmwand. Allerdings verstärken bestimmte Medikamente, fehlende körperliche Bewegung, mangelnde Flüssigkeitszufuhr und falsche (Ballaststoffarme) Ernährung das Problem zusätzlich.
Wie bei den Blasenstörungen gilt auch bei Verstopfung: Suchen Sie das offene Gespräch mit dem Arzt. Schildern Sie ihm Ihre Probleme (Zu harter Stuhl? Zu wenig Kraft beim Pressen? Häufigkeit des Stuhlgangs? Gefühl unvollständiger Entleerung?) – dann kann er Ihnen auch helfen. Beispielsweise kann mittels einer Röntgenuntersuchung mit sogenannten Markern die Verlangsamung der Darmpassage gemessen werden. Eine Transitzeit von mehr als drei Tagen wird als nicht mehr normal angesehen.
Grundsätzlich empfehlenswert sind eine Ballaststoffreiche Kost, ausreichende Flüssigkeitsaufnahme und regelmässige Bewegung. Allerdings sind diese Massnahmen nur bei leichter Verstopfung wirklich ausreichend. Bei schwereren Symptomen, also wenn die Darmpassagezeit mehr als fünf Tage beträgt, reichen diese Massnahmen nicht mehr aus. Dann müssen Medikamente eingesetzt werden. Dabei muss einem bewusst werden, dass Einläufe, Zäpfchen und ähnliche Abführhilfen zwar helfen, den Darm zu entleeren. Sie ändern aber nichts am Problem, dass sich der Darminhalt darüber wieder staut. Die besten Erfolge erzielt man mit einem sogenannten Makrozucker (z.B. Movicol), der viel Flüssigkeit bindet und nicht resorbiert wird. Die regelmässige Einnahme hilft, die überlangen Darmpassagezeiten dauerhaft zu verkürzen.

Freezing (Gangblockaden)

Das vielen Parkinsonpatienten bekannte Problem des plötzlichen, unvorherseh­baren Erstarrens – auch Blockaden genannt – wird in der Fachsprache als «Freezing of gait» (engl.: «Einfrieren» des Ganges) bezeichnet. In diesem Zustand sind die Patienten von einem Augenblick auf den anderen unfähig, ihre Füsse vom Boden zu heben und einen Schritt zu tun. Sie sind bei vollem Bewusstsein nicht imstande, ihre Beine zu bewegen. Dieses plötzlich auftretende Erstarren kann nur wenige Augenblicke, aber auch bis zu 30 Sekunden lang andauern und mehrmals täglich auftreten. Ungefähr die Hälfte aller Parkinsonpatienten klagt ab etwa dem fünften Jahr nach diagnostizierter Parkinsonerkrankung über Probleme mit Freezing.
Ein solches plötzliches Erstarren ist für die Patienten ausserordentlich unangenehm – und kann für diese auch gefährlich werden, weil es zu Stürzen oder zu Blockaden in problematischen Situationen führen kann, beispielsweise, wenn es beim Überqueren einer Strasse oder beim Verlassen eines öffentlichen Verkehrsmittels geschieht.
Häufig tritt das Freezing in geschlossenen Räumen auf (auch in der eigenen Wohnung!), beispielsweise vor oder beim Durchschreiten enger Passagen wie Gängen oder Türrahmen. Zudem wird Freezing auch mit Stress- oder Angst-situationen in Verbindung gebracht.
Leider konnten die genauen Ursachen des Freezings bislang nicht geklärt ­werden. Und es gibt auch keine Medikamente, die das Auftreten von Freezing verhindern können.
Glücklicherweise gibt es aber trotzdem wirksame Hilfen, sogenannte «Cues», die in den meisten Fällen erfolgreich zur Überwindung von Freezing-Situationen eingesetzt werden können. Diese Hilfen werden von kundigen Patienten selbst oder von deren Hilfspersonen (beispielsweise Angehörigen) angewendet.
Unsere Broschüre «10 wirksame Tipps, die bei Freezing helfen» ­beschreibt die zehn wichtigsten Hilfen respektive Hilfsmittel gegen ­Blockaden und erklärt, wie man diese anwenden kann.

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Sehstörungen

Ein Optiker überprüft die Passform der Brille am Patienten

Viele Parkinsonbetroffene leiden an Sehstörungen wie schwachem Kontrastsehen, trockenen Augen oder lästigen Doppelbildern. Glücklicherweise gibt es für die meisten Probleme wirkungsvolle Lösungen. Von Iris Reckert

Herr Blickerswiler ist 69 Jahre alt, seit sechs Jahren leidet er an Parkinson. Er hat immer gern gelesen – doch seit geraumer Zeit macht die Lektüre der Tageszeitung keinen Spass mehr. Nur wenige Minuten klappt das Lesen gut, dann beginnen die Zeilen zu verschwimmen und einzelne Buchstaben verblassen. Kommen dann noch Doppelbilder dazu, ist der Lesespass vorbei.
Was Herr Blickerswiler erlebt, kennen viele Parkinsonpatienten:  Probleme mit den Augen und Störungen der visuellen Wahrnehmung sind bei Parkinson nicht selten. Denn die Parkinsonkrankheit hat auch Einfluss auf verschiedene Faktoren des Sehens.

Die Brille – was man über Optik wissen sollte

Wie viele andere an und für sich gesunde Menschen seiner Altersgruppe ist Herr Blickerswiler alterssichtig. Ursache dieser Sehstörung ist die ab etwa dem 45. Lebensjahr nachlassende Elastizität der Augenlinse. Folge dieser Altersstörung: Objekte in der Nähe erscheinen unscharf. Abhilfe schafft hier eine Lesebrille.
Weil Herr Blickerswiler allerdings schon seit seiner Jugend eine Brille für das Sehen in der Ferne (Kurzsichtigkeit) benötigte, riet ihm der Optiker in der Zeit, als sich die Alterssichtigkeit bemerkbar machte, zu einer sogenannten Gleitsichtbrille. Deren Gläser ermöglichen mit fliessendem Übergang eine Korrektur sowohl für das Sehen in die Ferne als auch in die Nähe. Mit dieser Gleitsichtbrille war Herr Blickerswiler bisher sehr zufrieden. Doch nun hat er beim Lesen immer wieder lästige Probleme – warum nur?

Die Tücken der Gleitsichtbrille

Damit man mit einer Gleitsichtbrille gut sehen kann, müssen die Gläser perfekt geschliffen sein. Denn für den Blick in die Ferne dient der obere, zum Lesen der untere Bereich der Gläser. Sitzt die Brille nicht richtig, «verrutscht» der Blick oder hält man den Kopf schräg, so geht der Blick nicht mehr korrekt durch die jeweilige optische Zone des Glases – und die Sicht wird undeutlich. Verschärft wird das Problem, wenn (abhängig von Glasform und Brillengestell) der Lesebereich der Gleitsichtgläser eher klein oder sehr weit unten angesiedelt ist. Dann müssen die Augen besonders genau «zielen», damit der Blick exakt durch die Lesezone der Gläser geht.
Genau hier ortet die Orthoptistin auch das Problem von Herrn Blickerswiler: Weil sich bei ihm, wie oft bei Parkinsonbetroffenen, die Kopf- und Körperhaltung über die Jahre verändert haben, passen Blickrichtung und Gleitsichtbrille nicht mehr recht zusammen.

Die zusätzliche Lesebrille – eine komfortable Alternative

Als Lösung für seine Probleme empfiehlt die Orthoptistin Herrn Blickerswiler den Kauf einer Brille speziell zum Lesen. Diese korrigiert die Sicht nur für das Sehen in die Nähe, das Glas hat also überall die gleiche Korrekturstärke. So sieht Herr Blickerswiler beim Lesen immer scharf, egal, durch welchen Glasbereich er blickt. So kann er entspannt lesen, ohne sich auf die Blickrichtung oder die Kopfhaltung konzentrieren zu müssen.
Seine Gleitsichtbrille kann er weiterhin als «Allzweck-Brille» nutzen, also auf Spaziergängen, am Computer oder auch zum schnellen Lesen kurzer Schriftstücke wie etwa einer Rechnung oder der Speisekarte im Restaurant. Für die Lektüre von Zeitungen oder Büchern ist aber die Lesebrille die komfortablere Lösung.

Doppelbilder und Störungen der beidäugigen Zusammenarbeit

Im Gespräch mit der Orthoptistin berichtet Herr Blickerswiler auch über die Doppelbilder, die ihn in den letzten Monaten immer häufiger plagen. Vor allem, wenn er längere Texte liest oder am PC arbeitet, «rutschen» zunächst einzelne Buchstaben auseinander und nach einiger Zeit sieht er alles doppelt.
Ursache dieses Phänomens sind, erklärt ihm die Orthoptistin, Störungen in der Beweglichkeit und der Zusammenarbeit beider Augen. Letztere ist eine Meisterleistung aus Koordination und Feinmotorik: Jedes Auge wird von sechs äusseren Augenmuskeln bewegt, welche Blickrichtungswechsel und die Einstellung der Augen auf verschiedene Distanzen in Sekundenbruchteilen ausführen. Dabei auftretende kleine Ungenauigkeiten werden vom Gehirn kontinuierlich detektiert und über kleine Korrekturbefehle an die Augenmuskeln blitzschnell ausgeglichen.
Ist diese Zusammenarbeit der Augen durch die Parkinsonerkrankung gestört, sehen die Betroffenen Doppelbilder. Diese werden meist als viel stärker behindernd empfunden als die bei Parkinson ebenfalls häufigen Störungen der Augenbeweglichkeit. So bemerken viele Betroffene gar nicht, dass sie ihre Augen oft nicht mehr weit genug nach oben bewegen können und dass ihre Blickbewegungen verlangsamt und teils ungeregelt ablaufen.
Ohne dies zu beabsichtigen, bewegen viele Parkinsonpatienten ihre Augen zu wenig. Auch blinzeln sie eher selten – ein unbewusster Prozess, der vor allem bei konzentriertem Arbeiten auftritt. Der Blick wird dann «starr» und unbeweglich, der Blinzelreflex bleibt aus. Durch diesen Bewegungsmangel des Augenpaares bleiben die unwillkürlichen Korrekturimpulse des Gehirns aus und kleine Augenstellungsfehler machen sich bemerkbar. Die Augen geraten in eine Fehlstellung – Doppelbilder treten auf.
Abhilfe schaffen kleine Änderungen des Blickverhaltens. So lernt Herr Blickerswiler, wie auch seine Augen «in Bewegung bleiben»: Beim Lesen blinzelt er am Ende jeder Seite kräftig und schaut kurz hin und her. Auch bei Computerarbeiten wechselt er den Blick, lässt ihn ab und zu durchs Fenster in die Ferne schweifen und blickt erst dann wieder auf den Bildschirm. So erhält das Augenpaar genügend Impulse für die beidäugige Zusammenarbeit.
Mit diesen Übungen hat Herr Blickerswiler nach einiger Zeit die Doppelbilder überwunden. Und wenn gelegentlich der Text in seiner Zeitung doch einmal doppelt erscheint, weiss er sofort, was zu tun ist: wegschauen, kräftig blinzeln und neu «zielen».

Wenn die Doppelbilder hartnäckig werden

Leider kann es im fortschreitenden Verlauf der Parkinsonerkrankung zu Augenstellungsfehlern kommen, die vor allem beim Blick in die Nähe hartnäckige Doppelbilder zur Folge haben. Dann ist eine Untersuchung in der orthoptischen Sprechstunde einer Augenarztpraxis nötig. Dabei wird die Augenstellung ausgemessen und ein Prisma angepasst. Prismen sind Gläser, die eine gezielte Bildverschiebung bewirken, welche die Abweichung der Augachsen korrigiert. So wird der Stellungsfehler des Augenpaares kompensiert und die Betroffenen sehen wieder richtig. Meist wird für eine Testphase ein provisorisches Prisma auf die normale Brille aufgeklebt. Ist das optimale Prisma gefunden, kann dieses bis zu einer gewissen Stärke in die Brille eingeschliffen werden.

Die optimale Leselampe

«Je ausgeprägter die Sehprobleme, desto wichtiger ist eine gute Beleuchtung.» Dieser Merksatz gilt für Parkinsonpatienten ganz besonders. Denn der Dopaminmangel wirkt sich auch auf die Netzhaut respektive die Reizleitung zwischen der Retina und dem Sehzentrum aus. Bemerkbar macht sich dies vor allem in einer Schwächung des Kontrastsehens. So beklagen die Betroffenen häufig ein zeitweises Verblassen der Buchstaben beim Lesen. Eine wirkungsvolle Hilfe ist in diesem Fall eine sogenannte Kaltlichtlampe (Energiesparlampe). Solche Lampen sorgen für eine besonders kontrastreiche Beleuchtung des Textes, sodass Ungenauigkeiten in der Wahrnehmung weniger störend werden.

Trockene Augen – ein Problem, das nicht sein muss

Das Problem trockener Augen kennen viele Menschen – und die Ursachen sind vielfältig. Parkinsonpatienten sind von diesem lästigen Phänomen recht häufig betroffen. Einerseits ist die Zusammensetzung ihrer Tränenflüssigkeit nicht optimal, andererseits nimmt man an, dass die Erkrankung den «Taktgeber» des Augenblinzelns beeinträchtigt. Deswegen blinzeln Parkinsonkranke weniger häufig, der auf dem Auge befindliche Tränenfilm trocknet. Brennende Augen, eine Entzündung der Bindehaut sowie unkontrolliertes Tränenüberlaufen können die Folge sein. Hier helfen «künstliche Tränen» in Form von Augentropfen. Dabei ist es sehr wichtig, dass Augentropfen ohne Konservierungsmittel verwendet werden. Letztere können Unverträglichkeitsreaktionen hervorrufen und sind daher für die regelmässige Anwendung ungeeignet.

Medikamenten-induzierte Sehprobleme

Gewisse Anti-Parkinson-Medikamente können sich negativ auf die optische Wahrnehmung auswirken. So können dopaminerge Medikamente visuelle Halluzinationen (optisches Wahrnehmen nicht vorhandener Dinge) auslösen. In diesem Fall ist ein erfahrener Neurologe gefragt. Gewisse Anticholinergika können eine Erweiterung der Pupillen verursachen. Gegen die dadurch verursachte erhöhte Lichtempfindlichkeit hilft das Tragen einer Brille mit getönten Gläsern.

Zum guten Schluss: Problem erkannt, Problem gebannt!

Sehstörungen und Probleme mit der Brille betreffen viele Parkinsonpatienten. Herr Blickerswiler hat seine Probleme von der Spezialistin abklären lassen und erfahren, dass es für viele Probleme gute Lösungen gibt. Er hält seine Augen nun mit Augenübungen in Bewegung, blinzelt bewusst und häufig. Zudem hat er sich eine neue Lesebrille anpassen lassen und eine Kaltlichtlampe gekauft. Entsprechend gut klappt es mit dem Lesen und die Lektüre seiner Tageszeitung bereitet ihm endlich wieder Freude.

Probleme und Lösungen: Die Tipps der Expertin

  • Trockene Augen: Tränenersatzmittel ohne Konservierungsmittel verwenden, häufiger aktiv blinzeln.
  • Schwierigkeiten beim Lesen: Auf optimale Beleuchtung (Kaltlichtlampe) achten, eine spezielle Lesebrille verwenden.
  • Doppelbilder: Viel blinzeln, häufiger aktiv die Augen bewegen, eventuell eine Prismenbrille anpassen lassen.
  • Blendung: Sonnenbrille tragen respektive Sonnengläser auf die normale Brille aufstecken. Wenn die Sonne hoch steht (Mittagszeit), einen Hut mit grossem Sonnenschild tragen.

Generelle Tipps:

  • Lassen Sie Ihre Augen regelmässig vom Augenarzt checken.
  • Schildern Sie dem Augenarzt / Optiker allfällige Probleme und erwähnen Sie unbedingt, dass Sie an Parkinson leiden.
  • Sollten Sie doppelt sehen, fragen Sie den Augenarzt nach einer orthoptischen Untersuchung.
  • Sagen Sie dem Optiker genau, für welche Tätigkeit Sie eine Brille wünschen (z.B. Lesen, Arbeiten am PC, Wandern...).